Editorial Newsletter Juni 2022

Sprache ist ein Phänomen. Spätestens jetzt in der Sommer- und Ferienzeit macht sich das eindrücklich bemerkbar. Allein wenige Worte in der Ländersprache sind manchmal ausreichend, um Land und Leuten ein Stück näher zu kommen. Auch Forschung und Wissenschaft leben von Sprache, vom Teilhaben und Austauschen von Gedanken und Ideen. Sprechen wir in unserem Fachbereich ein und dieselbe Wissenschaftssprache? Besonders bei disziplinübergreifenden Forschungsprojekten zeigt sich, dass eine gemeinschaftliche Sprache erst entwickelt werden muss, um Kommunikation zu ermöglichen. Eine Herausforderung, der sich die Forschenden am von Bund und Ländern geförderten Projekt NFDI-MatWerk seit Ende 2021 gemeinschaftlich stellen müssen. Sprache, Kommunikation und Forschung – Ein Editorial, dass zum Reden einladen soll.

Kommunikation will gelernt sein

Besonders jetzt in den Sommermonaten beim Verreisen, um Land und Leute kennenzulernen, sind trotz guter Sprachkenntnisse Missverständnisse nicht ausgeschlossen. Ähnlich klingende Wortpaare unterschiedlicher Sprachen lassen uns vorschnell glauben, es handle sich um gleichbedeutende Begriffe. Solche False-Friends lassen uns an den ein oder anderen Urlaub mit einem Schmunzeln erinnern. Auf der Suche nach Unterkunft folgt auf die in Englisch gestellte Frage nach der „pension“ eher ein irritiertes Kopfschütteln als die erhoffte Wegbeschreibung. Warum auch nach der Rente fragen, wenn eigentlich das „guest house“ gemeint ist. Selbst in der eigenen Muttersprache ist die Wortbedeutung nicht immer eindeutig, sondern gefärbt von Kontext, persönlicher Wahrnehmung, Erfahrung und Prägung. Probieren Sie es aus und Fragen Ihre Kollegin oder Ihren Kollegen nach dem Blauton des DGM-Logos.

Erst durch Sprache wird Wissenschaft möglich

Auch in der wissenschaftlichen und institutionellen Kommunikation begegnet uns das Phänomen Sprache. Laut dem renommierten Sprachwissenschaftler Harald Weinrich (1927-2022) ist Wissenschaft eine kommunikative Veranstaltung, wodurch jedes wissenschaftliche Wissen sprachgebunden ist. Eine These, die sich mit Blick auf den Forschungsalltag, schnell bestätigen lässt. Bei internationalen Konferenzen, wie das Anfang Juni von der DGM in Dresden ausgerichtete Fachsymposium Laser Precision Microfabrication, ist Englisch die nützliche Wissenssprache für den barrierefreien fachlichen Informations- und Erfahrungsaustausch. Ebenso sprachgebunden ist das Wissen eines Forschungsbereiches mit seinen fachspezifischen Termini. Eine universelle Wissenschaftssprache – eine lingua franca – gibt es per se nicht. Besonders in disziplinenübergreifenden Forschungsprojekten wird deutlich, dass die dem Erfahrungsschatz der jeweiligen Wissenschaften unterliegenden fachtypischen Begrifflichkeiten beim interdisziplinären Austausch einer Bedeutungsverschiebung bzw. -änderung unterliegen. Um Missverständnisse zu vermeiden, müssen Begriffe in der Wissensgemeinschaft diskutiert und unter Umständen zu Gunsten der allgemeinen Verständlichkeit neu definiert werden.

Eine Sprache entwickeln: NFDI-MatWerk

Vor u.a. dieser Aufgabe steht auch das seit 2018 geförderte Projekt „Nationale Forschungsdateninfrastruktur“. Seit letztem Jahr ist auch die Fachdisziplin der Materialwissenschaften und Werkstofftechnik als Konsortium NFDI-MatWerk unter den derzeit rund 20 Konsortien aus Kultur-, Sozial-, Geistes- und Ingenieurwissenschaften vertreten. NFDI-MatWerk hat sich neben dem Aufbau eines digitalen Datenraums auch die Etablierung eines standardisierten wissenschaftlichen Datenmanagements anhand der FAIR-Prinzipien zum Ziel gesetzt. Informationen und Daten müssen langfristig FAIR sein, findable, accessible, interoperable, reuseable.  Bereits Ende 2021 berichteten wir im Rahmen eines DGM-Webinars über das seine Arbeit aufnehmende Konsortium NFDI-MatWerk.

Seitdem haben vertiefende Online- und Präsenz-Arbeitstreffen der Wissenschaftler*innen aus den fünf Aufgabenfeldern Infrastruktur, Ontologie, Strategie, Community Interaction und Software und Workflows stattgefunden. Besonders in den ersten Monaten des Kennenlernens hat sich gezeigt: erst die Sprache der Wissenschaft möglich macht; dass Sprache Wissen schafft.

Was bedeutet eigentlich Ontologie?  

Erst nachdem diese und weitere grundsätzlichen Fragen im gegenseitigen Austausch geklärt wurden, konnte die inhaltliche Arbeit des Konsortiums an Fahrt aufnehmen. Vielleicht kennen Sie ähnliche Situationen aus Ihrem Forschungs- und Institutsalltag? Scheinbar allseits bekannte Begrifflichkeiten in der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik haben keineswegs eine omnipräsente Bedeutung? Teilen Sie uns diese Termini gerne unter dgm@dgm.de mit. Im Rahmen der NFDI-MatWerk-Initiative sammeln wir Fachtermini, um sie in einem Glossar auf der Homepage NFDI-MatWerk unserer Science Community zur Verfügung zu stellen. Gemeinsame Forschung braucht eine gemeinsame Sprache.

Wir freuen uns auf Ihre Unterstützung und Teilhabe. Halten Sie Augen und Ohren offen, um Neuem zu begegnen, nicht nur im Urlaub in anderen Ländern und Kulturen, sondern auch in ihrem wissenschaftlichen Umfeld. Wissenschaft ist eine kommunikative Veranstaltung – also kommen Sie mit- und untereinander ins Gespräch.

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