DGM-Tag 2025 | Die Preistragenden stellen sich vor – Georg-Sachs-Preis – Dr.-Ing. Hanka Becker

Mit dem Georg-Sachs-Preis werden wissenschaftliche Arbeiten, vorzugsweise in enger Beziehung zur Praxis der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik, ausgezeichnet, die im Zeitraum zwischen dem letzten und vorletzten DGM-Tag der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde veröffentlicht wurden. Die Disputation sollte zum Zeitpunkt der Nominierung nicht länger als 10 Jahre in der Vergangenheit liegen.

Mit dem Georg-Sachs-Preis 2025 ehrt die DGM Dr.-Ing. Hanka Becker, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

1) Wie sind Sie ursprünglich dazu gekommen, Aluminiumlegierungen in den Mittelpunkt Ihrer Forschung zu stellen? Und war es von Anfang an Ihr Ziel, über die Untersuchung der Begleitelemente Rückschlüsse auf die Recyclingfähigkeit zu ziehen – oder hat sich dieser Schwerpunkt erst im Verlauf der Arbeit entwickelt? 

Zu Beginn meiner Arbeit 2013 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Werkstoffwissenschaft an der TU Bergakademie Freiberg habe ich mit der Methode des Spark-Plasma-Sinterns gearbeitet. Dieses ähnelt dem Heißpressen zur Kompaktierung von Pulvern, nutzt aber zusätzlich den Fluss von elektrischem Strom durch die Probe und/oder das umliegende Werkzeug. Ein Aspekt war, die Prozesse während des Sinternsbesser zu verstehen. Einige Phänomene lassen sich gut an Modellproben untersuchen, die aus Platten aus unterschiedlichen Metallen anstelle von Pulver durch das Sintern hergestellt werden. Nach den Versuchen wird der Interaktionsbereich zwischen den Metallen analysiert. Wir haben Al und Fe für diese Versuche genutzt. Zeitgleich gab es Zusammenarbeiten mit dem Gießereiinstitut unter Prof. Gotthard Wolf im Bereich des Hybridgusses von Al-Legierungen an Gusseisen. Dabei ergaben sich auch Gespräche über die Herausforderungen beim Recycling von Al-Legierungen, in denen Fe eines der wesentlichsten Verunreinigungselemente darstellt. Zur Zeit dieser Arbeiten hatte Prof. Andreas Leineweber die Möglichkeit im SFB 920 „Multifunktionale Filter für die Metallschmelzefiltration“ einen Teilprojekt-Antrag zu stellen. Das Thema in der Verknüpfung von werkstoffwissenschaftlichen Aspekten mit der Gießereitechnik hatte sich so geradlinig entwickelt und passte hervorragend zum SFB 920. Im Verlauf der Arbeit hat sich über die Grenzen der ursprünglichen Thematik hinaus, ein umfangreiches Forschungsgebiet mit großem wissenschaftlichen Interesse und sehr praxisrelevantemPotential entwickelt. Auch in der Zukunft wird das Thema wesentlich zu Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft beitragen.

2) Sie engagieren sich in der Lehre und entwickeln eigene Kursformate. Was ist für Sie das Schönste daran, komplexe werkstoffwissenschaftliche Themen an Studierende zu vermitteln? 

Für mich ist Lehre nachhaltig und hat Zukunft. Gute Lehre ist im besten Fall eine win-win-Situation für die Studierenden und mich und sie ist sehr sinngebend.

Wissen und Kompetenzen weiterzugeben, um die Studierenden auf die eigenständige Bearbeitung von Aufgaben im Beruf vorzubereiten, damit sie in der Zukunft zu unserer Gesellschaft wichtige Beiträge leisten können, ist ein Auftrag, der für mich direkt mit der Arbeit in Forschung und Entwicklung verbunden ist. Es ist schön zu sehen, wenn Studierende sich persönlich weiterentwickeln und ihnen im besten Fall der Kurs auch Spaß macht. Es ist mir wichtig, dass die Studierenden das Erlernen der Kursinhalte als sinnvoll wahrnehmen, dadurch motiviert sind und in ihrem Lernprozess Selbstwirksamkeit erleben. Daher versuche ich, Methoden transparent einzusetzen und Studierende in die Gestaltung der Lehre selbst einzubeziehen sowie Inhalte und Lernziele mit Bedeutung für die Praxis zu verknüpfen.

Ich freue mich sehr, wenn Interesse und Begeisterung aus meiner Lehre anstecken und einige Studierende nach Kursen in studentischen Arbeiten oder als studentische Hilfskraftin meiner Forschung aktiv werden wollen.

3) Sie gehören in diesem Jahr zu den wenigen Frauen unter den Preisträger*innen. Während Ihrer Forschungsaufenthalte in Norwegen und Dänemark haben Sie Wissenschaftskulturen kennengelernt, in denen oft eine andere Einstellung zur Rolle von Frauen nachgesagt wird. Haben Sie Unterschiede wahrgenommen – und beeinflusst das Ihren Blick auf unsere Fachcommunity? 

Ich kenne diese Aussage über die Wissenschaftskultur in den skandinavischen Ländern auch. Die technischen Universitäten NTNU in Norwegen und die DTU in Dänemark, an denen ich meine Aufenthalte hatte, unterscheiden sich weniger als man es vermuten könnte. Wenn man erstmal auf die Zahlen schaut, waren es 2023 an der NTNU 52% Studentinnen und 30% Professorinnen. An der DTU waren es 2024 ca. 33% Studentinnen und 16% Professorinnen. Im Vergleich dazu waren es 2023 in Deutschland in den Ingenieurswissenschaften 32% Studentinnen und 16% Professorinnen. Der Anteil der Frauen in den Statusgruppen wie Ph.D. und Postdoc liegt jeweils dazwischen.

Meine subjektive Wahrnehmung, die sich dabei vergleichend auf persönliche Erfahrungen besonders in Ostdeutschland bezieht, ist, dass Frau sein im fachlichen Kontext in der Forschung an keinem der Standorte einen Unterschied gemacht hat. Allerdings hat an allen Standorten eine Rolle gespielt, Mutter und auch Vater zu sein oder nicht. Welche Auswirkungen Eltern sein hat, hängt davon ab, welche Unterstützung es in der Familie und durch externe möglichst gute Kinderbetreuung gibt. Gerade das ist in Ostdeutschland und in den skandinavischen Ländern gegeben. Erwähnt werden muss in dem Zusammenhang auch, dass viele Arbeitsverhältnisse befristet sind und auch das unterscheidet sich leider an keinem der Standorte, wodurch viel Unsicherheit und starke Abhängigkeiten entstehen. Oft belastet die Situation besonders die Frauen. Zusätzlich spielt die Einstellung von Kollegen und Vorgesetzten eine wesentliche Rolle, wie gut Arbeitsalltag und Familie vereinbar sind. An der Stelle kann ich auch positiverweise für mich persönlich berichten, dass es nur ganz wenige Situationen gab, die wenig rücksichtsvoll waren. Da löste es teils schon mehr Unverständnis oder Erstaunen aus, wenn ich weder Kaffee noch alkoholische Getränke trinke.

Im Blick auf unsere Fachcommunity kenne ich leider auch einige wenige negative Beispiele. Ich hoffe, dass diese noch seltener werden und dass ich jetzt und in der Zukunft zu einfacher Normalität in Bezug auf Gender, Familie und Integration beitragen kann.

Quellen zu den oben genannten Zahlen finden Sie hier, hier und hier.

4) Die Bedeutung von Recycling und nachhaltigen Werkstoffen wird in den nächsten Jahren weiter steigen. Welche offenen Fragen oder Herausforderungen in der Aluminiumforschung möchten Sie in Zukunft besonders angehen? 

Aluminiumlegierungen sind ein ziemlich breites Feld. Es gibt ziemlich viele spannende Fragestellungen, die adressiert werden sollten. Mich interessiert sehr, tiefgehende grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und mit der Anwendung zu verbinden, um den Transfer aus der Wissenschaft in die Praxis zu fördern.

Dabei ist für mich das Recycling von Aluminiumlegierungen hin zu einer besseren Nachhaltigkeit ein zentraler Forschungsbereich. Ich finde sehr spannend, dass recycelte Aluminiumlegierungen durch die Vielzahl von enthaltenen Elementen sehr komplex sind. Es wird essentiell sein, die Wirkung der vielen Elemente durch Chemie-Prozess-Struktur-Eigenschaftsbeziehungen in Zusammenhang zu setzen, was einen wesentlichen Forschungsbedarf von Thermodynamik und Kinetik, über Phasen, Mikrostrukturen und Gefüge hin zu verschiedenen mechanischen und funktionellen Eigenschaften beinhaltet. Während für einige Legierungen mit einigen der Begleitelemente ein guter Umgang durch Prozessanpassungen erreicht werden kann, werden andere Legierungen ganz neue Konzepte brauchen.

Meine Ziele sind, für recycelte Aluminiumlegierungen die Qualität von Legierungen aus Primäraluminium zu erhalten, aber auch neue und leistungsstärkere Legierungen zu entwickeln. Eine Faszination ergibt sich auch daraus Legierungen gezielt für die Nutzung in bestimmten Technologien anzupassen, damit die angestrebten Eigenschaften erreicht werden können. Neben dem Recycling interessiere ich mich auch sehr dafür, wie Aluminiumlegierungen mit anderen Werkstoffen im Verbund interagieren, um die Eigenschaften und die Potentiale von Aluminiumlegierungen für weitere Anwendungen zu nutzen und zu erschließen.

Wir gratulieren Frau Dr.-Ing. Hanka Becker nochmals herzlich zu dieser besonderen Auszeichnung und freuen uns darauf, sie und alle Preisträger*innen beim DGM-Tag 2025 zu ehren und persönlich kennenzulernen.