DGM-Tag 2025 | Die Preistragenden stellen sich vor – Heyn-Denkmünze – Prof. Dr. Jörg Weißmüller

Der DGM-Tag ist für die Mitglieder und den wissenschaftlichen Nachwuchs unseres Fachverbandes, der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde, das Herzstück des Jahresgeschehens. Am 22. und 23. Oktober 2025 lädt die Mitgliederversammlung zum persönlichen Wiedersehen nach Chemnitz ein. Ein Höhepunkt ist die DGM-Preisverleihung während des DGM-Tages, bei der das herausragende Engagement von Forscherinnen und Forscher auf dem Gebiet der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik gewürdigt wird. Welche DGM-Preise werden auf dem DGM-Tag 2025 verliehen? Welche Forscherpersönlichkeiten stehen dahinter? Wir stellen Ihnen die Nominierten vor.

Die Heyn-Denkmünze, benannt nach dem ersten DGM-Vorsitzenden Emil Heyn (1867–1922), ist die höchste Auszeichnung der DGM. Sie wird für jene Leistungen auf dem Gebiet der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik verliehen, durch die wesentliche Fortschritte in wissenschaftlicher, technologischer oder wirtschaftlicher Hinsicht erzielt werden konnten. Die DGM würdigt mit der Heyn-Denkmünze 2025 das Lebenswerk von Herrn Prof. Dr. Jörg Weißmüller, Technische Universität Hamburg.

1) Sie haben bei Herbert Gleiter promoviert, einem Pionier der Nanomaterialforschung, und später mit John Cahn zusammengearbeitet, der zu den bedeutendsten Theoretikern der Materialwissenschaft zählt. Beide wurden ebenfalls mit der Heyn-Denkmünze ausgezeichnet. Welche wissenschaftlichen oder persönlichen Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit diesen beiden prägenden Persönlichkeiten haben Ihren eigenen Weg am stärksten beeinflusst?

Herbert Gleiters anspruchsvolle und wunderbar motivierende Lehre war ein Highlight während des Studiums der Werkstoffwissenschaften in Saarbrücken. Ich habe ihn als einenvisionären und überaus charismatischen Wissenschaftler kennengelernt; gerade die Gespräche, in denen er mir die Themen für meine Diplomarbeit und später für die Doktorarbeit ans Herz gelegt hat, bleiben in dieser Hinsicht unvergessen. Das Vermitteln von Motivation, von Begeisterung an meine Mitarbeiter*innen habe ich immer als besonders wichtig empfunden; dabei ist Herbert Gleiter ein Vorbild. Herbert Gleiter hat mich an mehreren wichtigen Stellen meiner frühen Karriere entscheidend gefördert und mir damit den Weg in die Wissenschaft geöffnet, dafür bin ich ihm außerordentlich dankbar.

Es war ein ganz besonderes Privileg, mit John Cahn wechselwirken zu dürfen, den ich persönlich als die mit Abstand prägendste Persönlichkeit im Feld der Materialwissenschaften ansehe und den ich als außergewöhnlich herzlichen Menschen kennenlernte. Die Klarheit, Präzision und Tiefe seiner Wissenschaft definieren einen Zielpunkt im Unendlichen, für sterbliche Forscher wie mich leider unerreichbar. Aus der Wechselwirkung mit John und seinem Umfeld während meiner Zeit als Gastwissenschaftler bei NIST sind wissenschaftliche Ideen hervorgegangen, die mich auch heute, 30 Jahre später, noch umtreiben. Sie betreffen beispielsweise Kapillareffekte, kohärente Gleichgewichte und das geheimnisvolle Cahn-Hilliard-Residuum. Ein weiteres Beispiel, nämlich Materialdesign und Experimente zur Elastizität offener Systeme, spielt eine kleine aber feine Rolle im gerade bewilligtenExzellenzcluster BlueMat an der Technischen Universität Hamburg.

2) Ihre Arbeitsweise wird als besonders unkonventionell beschrieben, oft mit einem Blick für Zusammenhänge, die nicht auf der Hand liegen. Können Sie beschreiben, wie Sie solche neuen Denkansätze entwickeln und welche Rolle Intuition dabei spielt – gerade, wenn es um neue grundlegende Prinzipien geht?

Wie komme ich zum neuen Denkansatz - ist das nicht die Kardinalfrage für jeden Wissenschaftler? Bei mir geht es tastend, mit ganz vielen Versuchen und Fehlversuchen zum Thema, getrennt durch lange Perioden, in dem ich mich mit völlig anderen Dingen beschäftige — bis dann endlich und ohne erkennbaren Grund die gute Idee kommt. Oder auch nicht, je nach Thema. Entscheidend ist oft der Ausbruch aus der Zirkularität der eigenen Gedanken während der Diskussion mit Mitarbeiter*innen.

3) Sie haben an verschiedenen renommierten Forschungseinrichtungen weltweit gearbeitet – unter anderem am CRMC² in Marseille, am National Institute of Standards and Technology in den USA, am Institut für Neue Materialien in Saarbrücken und am Forschungszentrum Karlsruhe. Welche dieser Stationen hat Sie persönlich am meisten geprägt – und warum? 

Es ist Ihnen ja sicher aufgefallen, das sind alles außeruniversitäre Einrichtungen. Es war ein Privileg für mich, dort mit Kolleginnen und Kollegen umgeben zu sein, die vergleichsweise wenig in die verschiedenen Aufgaben der akademischen Tretmühle eingespannt und daher spontan verfügbar für die wissenschaftliche Diskussion waren. Nach der Erfahrung mit einem (aus Sicht des jungen Doktoranden) eher hierarchischen System in Frankreich war das Gefühl, auf Augenhöhe zu diskutieren, in Deutschland und ganz besonders in den USA sehr erfrischend. Davon abgesehen gab es wirklich an allen Standorten unglaublich inspirierende Gesprächspartner und Erfahrungen.

4) Welche Tipps würden Sie jungen Materialwissenschaftler*innen geben, die eine ähnlich lange und erfolgreiche wissenschaftliche Karriere anstreben wie Sie? Und in welchem Maß hängen solche Erfolge Ihrer Erfahrung nach von Zufall, den richtigen Kontakten oder anderen Faktoren ab? 

Ohne Anstöße durch den Zufall kann es im Leben nicht gehen. In meinem Fall tat sich direkt nach der Promotion am damals neu gegründeten Institut für Neue Materialien eine unbefristete Stelle auf. Das war weichenstellend, auch wenn ich später gekündigt und diese Sicherheit dem Risiko einer befristeten, aber dafür wissenschaftlich aufregenderen Stelle geopfert habe. Mein Rat für junge Wissenschaftler*innen ist, erforschen Sie die Themen, die Ihnen am meisten Spaß machen. Spaß ist eine Voraussetzung für exzellente Wissenschaft, und mit der im Gepäck öffnen sich Chancen. Die Freiheit der Wissenschaft ist dabei das höchste Gut — was wissenschaftlich toll ist, dürfen und müssen Sie selbst herausfinden, gerne flexibel nach tagesfrischer Erkenntnislage. Dabei hat selbstverständlich der Filter mitzulaufen, wo kann ich pragmatisch auch tatsächlich ein Ergebnis erwarten, und werde ich damit meine Kolleg*innen begeistern können?

Wir gratulieren Herrn Prof. Dr. Jörg Weißmüller nochmals herzlich zu dieser besonderen Auszeichnung und würdigen ihn gemeinsam mit den weiteren Preisträger*innen im Rahmen des DGM-Tags 2025.