DGM-Tag 2025 | Die Preistragenden stellen sich vor – DGM-Ehrenmitgliedschaft – Prof. Dr. Reinhard Pippan

Die Deutsche Gesellschaft für Materialkunde e.V. (DGM) besitzt eine besondere Möglichkeit, ihre herausragenden Mitglieder zu ehren – die "Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde e.V." Diese Auszeichnung wird an Personen verliehen, die sich in materieller oder ideeller Hinsicht in besonderer Weise um die Gesellschaft verdient gemacht haben.

Die Ehrenmitgliedschaft der DGM ist eine Würdigung herausragender Verdienste und ein Zeichen der Anerkennung für Personen, die sich in besonderem Maße für die Gesellschaft und ihre Anliegen eingesetzt haben. Sie symbolisiert den Wert und die Bedeutung der Gemeinschaft, die sich für die Erforschung und Weiterentwicklung der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik einsetzt. Wir freuen uns, Ihnen eines unser beiden DGM-Ehrenmitglieder 2025, Prof. Dr. Reinhard Pippan, Österreichische Akademie der Wissenschaften, im Interview vorzustellen.

1) Wenn Sie auf Ihre jahrzehntelange Forschung zurückblicken: Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Art und Weise verändert, wie in der Materialwissenschaft geforscht wird?

Die Materialwissenschaften in den frühen Neunzehnachtzigern war noch sehr stark von der Metallkunde und Metallphysik geprägt, mit dem Schwerpunkt auf Gefüge Eigenschaftsbeziehungen. In den folgen Jahren hat eine signifikante Erweiterung stattgefunden, nicht nur was die Materialklassen, zuerst die Erweiterung auf Keramik, Polymere, Biomaterialien und Verbunde, betrifft. Auch die stärkere Einbeziehung der Materialsynthese, Materialverarbeitung und benachbarter Wissenschaftsdisziplinen wie Materialchemie, Werkstoffmechanik und der unterschiedlichen Simulationsdisziplinen haben die Materialwissenschaft zu einer Schlüsselwissenschaft für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung gemacht. Das ist eine sehr positive Entwicklung und sollte sehr anziehend für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein. 

Wie in anderen Wissenschaftsdisziplinen hat sich auch in den Materialwissenschaften in den letzten Jahrzehnten eine Art Amerikanisierung der Forschungsausrichtung verbreitet, die sehr stark Kennzahlen orientiert ist und Modeströmungen verstärkt gegenüber einer breiten Palette wichtiger materialwissenschaftlicher Probleme. Dies Entwicklung wird von den Wissenschaftlern selbst aber auch den Förderorganisationen getrieben.

2) Ihre enge Bindung an das Erich Schmid Institut und die Montanuniversität Leoben hat Ihre Karriere maßgeblich geprägt. Was macht diesen Forschungsstandort aus Ihrer Sicht so besonders? 

Ähnlich wie Forschungsverbunde aus Max-Planck-Instituten und Universitäten in Deutschland hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften mit der Montanuniversität in Leoben und der Gründung des Erich Schmid Institutes einen sehr attraktiven Forschungsverbund für Materialwissenschaften geschaffen, der den gesamten Bereich von Grundlagen bis hin zur industriellen Anwendung, durch die starke Verknüpfung der Montanuniversität mit der Industrie, abdeckt. Diese sehr erfolgreiche Kombination bot für mich ein ideales Arbeitsumfeld.

3) Sie haben die Materialwissenschaft über mehrere Jahrzehnte hinweg entscheidend mitgeprägt. Welche technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen haben aus Ihrer Sicht das Fachgebiet in dieser Zeit am stärksten verändert?

Die Erweiterung der Materialwissenschaft im Allgemeinen habe ich schon kurz erwähnt, in Bezug auf die technische und wissenschaftliche Entwicklung möchte ich hier noch einiges hinzufügen. Während in den fünfziger, sechziger, siebziger bis Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts die Verknüpfung der Mikrostrukturparameter mit den Makroeigenschaften über analytische Beziehungen im Vordergrund stand wurde in den letzten 40 Jahren versucht die Vorrausetzung für eine skalenübergreifenden Beschreibung vom atomaren Aufbau bis zum Bauteil aufzubauen. Auf experimenteller Seite wurden und werden Messmethoden die die Struktur und die Eigenschaften über alle Größenskalen erfassen können entwickelt. Auf dem Gebiet der modellmäßigen Beschreibung sind diese Entwicklungen noch viel eklatanter. Die Entwicklung der Simulationstechniken auf der atomistischen-, der mikro-, meso- und makro- Ebene haben das Arbeiten in den Materialwissenschaften entscheidend verändert.

4) Sie sind seit 2003 Mitglied der DGM und waren auch in großen internationalen Gremien wie dem ICSMA-Committee aktiv. Welche Rolle spielen solche wissenschaftlichen Netzwerke für den Fortschritt in der Materialwissenschaft – und welche Erfahrungen und Vorteile haben Sie persönlich aus Ihrer langjährigen DGM-Mitgliedschaft gewonnen?

Wissenschaft ist, wie manchmal dargestellt, keine Elfenbeinturmaktivität. Wissenschaft lebt von Kommunikation mit der wissenschaftlichen Community und der Gesellschaft. Letzteres ist wichtig da ja Wissenschaft zu einem großen Teil durch staatliche Förderungen finanziert wird. Die DGM ist wohl die wichtigste Plattform der deutschsprachigen Materialwissenschaften und hat sich erfolgreich zur führenden europäischen Materialwissenschaftsgesellschaft entwickelt. Das habe ich sehr positiv mitverfolgt und mitgetragen.

Wir gratulieren Herrn Prof. Dr. Reinhard Pippan nochmals herzlich zu dieser besonderen Auszeichnung und freuen uns darauf, ihn und alle Preisträger*innen beim DGM-Tag 2025 zu ehren und persönlich kennenzulernen.