Wir stellen den DGM-Nachwuchspreis 2025 vor, mit dem herausragende Doktorand*innen ausgezeichnet werden, deren Abschluss zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht länger als zwei Jahre zurückliegt. Diese prestigeträchtige Auszeichnung ist Nachwuchswissenschaftler*innen gewidmet, die sich in der gemeinnützigen Forschung auf dem Gebiet der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik verdient gemacht haben. Die DGM gratuliert Frau Dr.-Ing. Julia Richter, Universität Kassel, zum DGM-Nachwuchspreis 2025.
1) Wie sind Sie ursprünglich zur Materialwissenschaft und speziell zur additiven Fertigung gekommen – und wann stand für Sie fest, dass Sie auch promovieren möchten?
Vor etwas mehr als zehn Jahren habe ich an der Universität Kassel mein Maschinenbaustudium begonnen. Zu Beginn war noch nicht absehbar, dass ich mich im Bereich Materialwissenschaften spezialisieren würde. Doch bereits nach wenigen Semestern wurde mir klar, wie zentral das Thema Materialien für die Ingenieurwissenschaften ist. Oft wird gefragt: Warum können Flugzeuge fliegen? – und selten lautet die Antwort: wegen der Materialwissenschaften. Tatsächlich sind es aber gerade die Fortschritte im Leichtbau, die aus diesem Fachgebiet heraus entstanden sind.
Im Rahmen meiner Abschlussarbeiten – zunächst über Eigenspannungen und später über Formgedächtnislegierungen – konnte ich meine Faszination für Werkstoffe und ihre Phänomene weiterentwickeln. Während meiner Masterarbeit reifte dann auch der Gedanke, zu promovieren. Besonders das großartige Team am Institut für Werkstofftechnik rund um Prof. Thomas Niendorf hat mich darin bestärkt. Für dieses Arbeitsumfeld möchte ich mich auch ausdrücklich bei Thomas Niendorf bedanken – er betreibt nicht nur ausgezeichnete Forschung, sondern auch hervorragende Nachwuchsarbeit.
Der Weg zur additiven Fertigung war schließlich ein glücklicher Zufall. Doch wer einmal erlebt hat, wie in einer Anlage Schicht für Schicht das eigene Bauteil entsteht, der möchte dieses Gefühl nicht mehr missen.
2) Sie haben beim Aufbau des Labors für additive Fertigung in Kassel eine Schlüsselrolle übernommen. Was war dabei die größte Herausforderung – und worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Als ich am Institut für Werkstofftechnik angefangen habe, war die additive Fertigung noch ein vergleichsweise junges Forschungsgebiet. Bereits im Labor stand eine pulverbettbasierte Elektronenstrahlanlage, kurz darauf kam die Laserstrahlanlage hinzu. Die Anfänge der weltweiten Forschung waren stark davon geprägt, dass es an Erfahrung fehlte: Viele frühe Arbeiten konzentrierten sich auf komplexe Geometrien, ohne die Materialeigenschaften und ihre Zusammenhänge wirklich zu verstehen.
Genau das war auch unsere größte Herausforderung in Kassel. Wir mussten erst lernen, dass die materialwissenschaftliche Perspektive in der additiven Fertigung eine weitaus größere Rolle spielt, als wir anfangs angenommen hatten. Aus diesem Erkenntnisgewinn heraus eröffneten sich spannende Forschungsthemen, die dazu beigetragen haben, dass die Gruppe stetig wachsen konnte.
Rückblickend bin ich stolz darauf, dass wir das Labor nicht nur technisch aufgebaut, sondern eine starke Forschungsumgebung geschaffen haben. Die Erfahrungen, die ich damals bei Inbetriebnahme und Koordination gesammelt habe, helfen mir heute sehr in meiner neuen Rolle als Leiterin des Analytikzentrums, wo ich nun den Aufbau und die Inbetriebnahme eines Focused-Ion-Beam-Mikroskops begleite.
3) Sie bringen sich nicht nur als eingeladene Rednerin, sondern auch in die Organisation der Additive 2026 sehr stark ein. Was reizt Sie daran, an der Vorbereitung einer internationalen wissenschaftlichen Tagung mitzuwirken?
Konferenzen sind für mich ein wesentlicher Bestandteil des Wissenschaftsbetriebs. Sie machen Forschung sichtbar und schaffen Räume, in denen neue Ideen entstehen. Bei der Additive 2026 als Vortragende eingeladen zu sein, erfüllt mich daher mit Stolz. Es ist für mich eine großartige Chance, meine Arbeit zu repräsentieren, und ich freue mich sehr über das Vertrauen, das mir damit entgegengebracht wird. Dafür möchte ich mich bedanken.
Besonders reizvoll finde ich, dass im Rahmen der Tagung eine Brücke zwischen Industrie und Forschung geschlagen wird. Mit meinem organisatorischen Engagement kann ich dazu beitragen, dass dieser Austausch bestmöglich gelingt. Dass die Additive 2026 am Standort Kassel stattfindet, ist für mich außerdem eine große Anerkennung der Leistungen, die hier im Bereich der additiven Fertigung erbracht wurden – durch Prof. Niendorf und ebenso durch alle Kolleginnen und Kollegen. Mit gespannter Erwartung blicke ich nun auf die Tagung und freue mich auf den Austausch mit Forscherinnen und Forschern sowie Industrievertreterinnen und -vertretern aus aller Welt.
4) Sie engagieren sich neben Ihrer Forschung stark für den wissenschaftlichen Nachwuchs – unter anderem im Studientag MatWerk und in der Nachwuchsarbeit der DGM – sowie für Gleichstellungsfragen. Woher nehmen Sie die Energie für dieses zusätzliche Engagement, und was motiviert Sie, sich so intensiv für andere einzusetzen und damit auch die Weiterentwicklung des Fachbereichs zu fördern?
Während meines Studiums und auch später habe ich oft die Frage gehört, wie es denn sei, als Frau im männerdominierten Maschinenbau zu arbeiten. Diese Frage zeigt für mich, wie veraltet das Bild des Ingenieurs teilweise noch ist. Das spiegelt sich auch in den seit Jahren sinkenden Studierendenzahlen in den Ingenieurwissenschaften und speziell in den Materialwissenschaften wider.
Mit meinem Engagement im Newcomer- und Nachwuchsausschuss der DGM, im Arbeitsausschuss des Studientags MatWerk und im Bereich Gleichstellung möchte ich dazu beitragen, dieses Bild zu verändern. Maschinenbau bedeutet eben nicht nur Konstruktion, sondern auch Materialwissenschaft, Nachhaltigkeit und vielfältige Karrierewege – auch für Ingenieurinnen.
Ich selbst habe auf meinem Weg sehr von Vorbildern und von Menschen profitiert, die mich unterstützt und ermutigt haben. Mein heutiges Engagement ist eine Möglichkeit, etwas davon zurückzugeben. Gleichzeitig macht die Arbeit in den Gremien und Ausschüssen großen Spaß, weil ich dort mit hochmotivierten Teams zusammenarbeite. Dieses gemeinsame Wirken empfinde ich als sehr bereichernd – und ich bin allen Beteiligten für ihre Unterstützung und Zusammenarbeit dankbar.
Wir gratulieren Frau Dr.-Ing. Julia Richter nochmals herzlich zu dieser besonderen Auszeichnung und freuen uns darauf, sie und alle Preisträger*innen beim DGM-Tag 2025 zu ehren und persönlich kennenzulernen.