Seit 2014 zeichnet die DGM mit dem DGM-Pionier die persönlichen Mitglieder unser Fachverbandes aus, die mit ihrem Engagement zum Vorreiter der wissenschaftlichen Vernetzung und der modernen Kooperation von akademischer und industrieller Forschung geworden sind. Wir gratulieren herzlich Dr.-Ing. Dirk Bettge, Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), zum DGM-Pionier 2025.
1) Fraktographie ist ein Fachgebiet, das viel detektivisches Gespür erfordert. Wie sind Sie dazu gekommen, Ihre wissenschaftliche Laufbahn diesem ‚Blick in die Bruchfläche‘ zu widmen – und was macht für Sie persönlich den Reiz daran aus?
Bei vielen Schadensfällen brechen Bauteile, so dass Bruchflächen entstehen. Daher ist es sehr hilfreich, die Spuren des Schadenshergangs in den Bruchflächen zu lesen und so zur Aufklärung des Falls beizutragen. In Bruchflächen stecken oft mehr Informationen als man anfangs glaubt. Es gibt allerdings sehr wenige Schadensanalytiker, die sich speziell mit der Fraktographie beschäftigen, obwohl es wichtig ist, hier keine Information liegen zu lassen.
2) Sie haben an der Aufklärung sehr unterschiedlicher Schadensfälle mitgearbeitet. Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist – und warum?
Besonders aufwändig war z.B. die detaillierte Aufklärung der Schadensursachen der Strommasten-Umbrüche im Münsterland 2005, die zu längeren flächigen Stromausfällen geführt hat. Unter vielen Tonnen von Metallschrott musste die Nadel im Heuhaufen gefunden werden, nämlich die Bruchstellen, an denen ganze Kaskaden gestartet waren. Am aufwändigsten war die erfolgreiche Durchführung von Vergleichsversuchen zum Nachstellen und Verstehen der Schadensmechanismen anhand der Gefügezustände und Bruchmechanismen. Wie so oft in der Schadensanalyse mussten viele Ursachen zusammenwirken – einfache Erklärungen führen oft nicht zum Ziel.
3) Sie haben ein standardisiertes System zur Beschreibung von Bruchflächen entwickelt – etwas, das heute, im Kontext von Dateninfrastrukturen wie der NFDI, aktueller denn je wirkt. Wie ist es Ihnen gelungen, diesen Standard zu etablieren, und was war für Sie der entscheidende Anstoß, eine einheitliche Sprache in diesem Bereich zu schaffen?
Im AK Fraktographie entstand der Wunsch, ein einheitliches und leicht verständliches Symbolsystem zur Beschreibung von Bruchmerkmalen und -mechanismen zu entwickeln. So etwas gibt es bislang sonst nicht, und es gibt erst recht keine Norm dazu. Jeder überlegt diese Dinge für jedes Gutachten neu. Deshalb haben wir angefangen, ein Symbolsystem zu entwickeln und allen Interessierten über die Fraktographische Datenbank online zur Verfügung zu stellen.
4) Sie beschäftigen sich seit den 1990er-Jahren mit Materialographie und Fraktographie – von der Schadensanalyse einzelner Bauteile bis zum Aufbau einer digitalen Bruchflächen-Datenbank. Welche Veränderungen in Methoden und Arbeitsweise haben Sie in dieser Zeit besonders geprägt, und was sollten junge Fachleute aus Ihrer Sicht heute unbedingt lernen?
Im Grunde machen wir heute das gleiche, was z.B. Herr Martens im 19. Jahrhundert getan hat, woraus vor 120 Jahren die BAM entstanden ist. Aber wir haben heute genauere Analysemethoden, z.B. Elektronenmikroskopie mit chemischer und kristallographischer Mikroanalyse. Die Messmethoden sind mächtiger und schneller geworden wegen Elektronik und Digitalisierung. Daten und Wissen können heute online ausgetauscht werden, Datenbanken ergänzen gedruckte Literatur. Die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz verleihen alten Fachgebieten einen ganz unerwarteten neuen Schub, der Dinge möglich werden lässt, an denen man bisher gescheitert ist. Dies ist eine sehr spannende Zeit, und auch die Fraktographie sollte hier an vorderster Front der Forschung mitwirken.
Wir gratulieren Herrn Dr.-Ing. Dirk Bettge nochmals herzlich zu dieser besonderen Auszeichnung und würdigen ihn gemeinsam mit den weiteren Preisträger*innen im Rahmen des DGM-Tags 2025.