Die Ehrenmitgliedschaft der DGM ist eine Würdigung herausragender Verdienste und ein Zeichen der Anerkennung für Personen, die sich in besonderem Maße für die Gesellschaft und ihre Anliegen eingesetzt haben. Sie symbolisiert den Wert und die Bedeutung der Gemeinschaft, die sich für die Erforschung und Weiterentwicklung der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik einsetzt. Wir freuen uns, Ihnen eines unser beiden DGM-Ehrenmitglieder 2025, Frau Heide-Marie Dietel, im Interview vorzustellen.
„Jeder Auftrag war ein Krimi“ – Der berufliche Lebensweg von Frau Dietel
1) Frau Dietel, wie sind Sie überhaupt zur Metallographie gekommen?
Ehrlich gesagt durch eine Reihe glücklicher Zufälle. Als ich 1956 die Mittlere Reife abgeschlossen hatte, gab es noch keine Berufsberatung. Meine erste Lehre als Chemielaborantin am Institut für Eisenhüttenwesen in Aachen war ein klarer Missgriff. Doch im selben Institut bot sich mir die Möglichkeit, eine verkürzte Lehre als Metallographin zu absolvieren – und damit war der Weg eingeschlagen.
2) Wo haben Sie Ihre ersten Berufserfahrungen gesammelt?
Meine erste Anstellung trat ich im September 1963 im Zentrum für Technik in Ismaning bei München an. Das Institut gehörte einer großen Versicherung und galt als „Vorzeigeunternehmen“. Die Hauptaufgabe bestand darin, technische Schadensfälle zu bearbeiten. Unter der Chef-Metallographin Frau Hildegard Brokop lernte ich nicht nur die Arbeitseinteilung, sondern vor allem die „praktische Metallographie“. Wir hatten modernste Geräte, spannende Aufträge, ein kollegiales Umfeld und sogar ein gutes Gehalt. Diese Jahre haben mich sehr geprägt.
3) Wie ging es dann für Sie weiter?
Im April 1967 wechselte ich zu Steigerwald Strahltechnik in München. Dort konnte ich ein funktionierendes Prüflabor aufbauen – Metallographie, Werkstofftechnik und Fotolabor. Später durfte ich in Eigenregie auch Fremdaufträge annehmen und abrechnen. Mein Labor finanzierte sich bald selbst. Das war ein spannender und erfüllender Arbeitsplatz, den ich jedoch nach 14 Jahren verlor, als die Firma an Messer Grießheim GmbH in Frankfurt verkauft wurde.
4) Das klingt nach einem einschneidenden Moment. Wie haben Sie reagiert?
Ja, das war ein Bruch. In München fand ich zunächst keine Stelle, die mich wirklich befriedigt hätte. Da kam der entscheidende Impuls von Herrn Dr. Hermann Klingele vom Institut für Rasterelektronenmikroskopie in München. Er schlug mir vor, in einem leerstehenden Milchladen im Lehel ein kleines, unabhängiges Labor für Schadenprüfungen aufzubauen. Mit tatkräftiger Unterstützung von Dr. Klingele und Dr. Peters, dem Personalchef der technischen Entwicklung bei Audi in Ingolstadt, konnte ich 1981 den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Rückblickend war das Zentrum für Technik in Ismaning meine wichtigste Ausbildungsstation – dort habe ich gelernt, meine Arbeit kritisch zu hinterfragen: Wie – Was – Warum?
5) Was hat Sie an der Metallographie so fasziniert?
Bereits im ersten Lehrjahr an der TH Aachen hat mich die Vielseitigkeit begeistert – besonders das Aufspüren von Fehlerursachen. Jeder Auftrag war wie ein Krimi, und so wurde meine tägliche Arbeit zu meinem Hobby.
6) Wie haben Sie die technischen Entwicklungen in Ihrem Beruf erlebt?
Die Digitalisierung hat die Präparationsmöglichkeiten deutlich verfeinert. Aber interessant ist: In der Schadenuntersuchung erwarten viele Kunden bis heute analoge Berichte mit Schwarz-Weiß-Bildern und Negativen. Da hat sich trotz aller Technik wenig geändert.
7) Wenn Sie zurückblicken – was bedeutet Ihnen die Metallographie?
Für mich war sie die Grundlage für ein erfülltes Berufsleben – und sie hat mich auch ernährt. Ich habe sehr viel Unterstützung von aufgeschlossenen Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen sowie meiner Familie erhalten. Dafür bin ich bis heute dankbar. Sie alle haben mir ein erfülltes Arbeitsleben ermöglicht und haben nun einen festen Platz in meinem Herzen.
8) Sie haben die Boris-Dietel-Stiftung gegründet. Was möchten Sie damit erreichen?
Mir ist wichtig, dass Jugendliche eine bessere Berufsberatung erhalten, als sie mir damals zur Verfügung stand. Und bevorzugt jungen Frauen möchte ich eine Berufswahl in Handwerk oder Technik näherbringen. Allen Jugendlichen empfehle ich, nur eine Arbeit zu wählen, hinter der sie wirklich stehen und die sie gerne verrichten. Jede Unterstützung meiner Stiftungsarbeit ist willkommen.
Wir gratulieren Frau Heide-Marie Dietel nochmals herzlich zu dieser besonderen Auszeichnung und freuen uns darauf, sie und alle Preisträger*innen beim DGM-Tag 2025 zu ehren und persönlich kennenzulernen.