Laudatio für Prof. Dr. Guillermo Requena
Tammann-Gedenkmünze 2021

von em.o.Univ.Prof.DI.Dr. H.Peter Degischer

Gustav Tammann war unter anderem einer der Begründer der modernen Metallografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zu dessen Gedenken die DGM jährlich eine Gedenkmünze verleiht. Als ehemaliger Doktorvater bin ich stolz, dass Guillermo Requena für diese Gedenkmünze 2021 auserkoren wurde. Seine wesentlichen Verdienste beruhen auf der Anwendung neuerster tomografischer und diffraktometrischer Methoden zur Metallografie, wofür er die Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen und Techniker*innen organisierte. Im Rahmen internationaler Kooperationen wurden Synchrotron- und Neutronenstrahltechniken für die dreidimensionale Charakterisierung heterogener Werkstoffe weiterentwickelt, sodass in vielen Fällen erstmals Gefügeentwicklungen in Funktion von Temperatur und Zeit dreidimensional dargestellt werden konnten, was zu zahlreichen, ausgezeichneten Publikationen seiner jeweiligen Forschungsteams führte.

Er wurde 1974 in Córdoba, Argentinien, geboren und ist in Patagonien aufgewachsen, als ich gerade in Venezuela Physik lehrte. Er graduierte im Jahr 2000 in Elektrotechnik an der Universidad Nacional del Comahue in Argentinien. Über eine Kooperation zwischen dieser Universität und der TU Wien kam er an das Institut für Werkstoffwissenschaften und Werkstofftechnologie, wo ich seit 1995 arbeitete. Mit unserer lateinamerikanischen Vergangenheit vertieften wir den wissenschaftlichen Austausch zwischen Europa und Lateinamerika im Rahmen des EU-Programmes ALPHA. Von 2003 bis 2006 organisierte Guillermo Requena 230 studentische Austauschmonate, in denen werkstoffkundliche Themen untersucht wurden. Die Stipendiaten wurden für die Werkstoffwissenschaften begeistert und manche blieben in Europa. Jedenfalls resultierten weitere fruchtbare, internationale Kooperationen. Unangenehm in Erinnerung blieb nur ein offiziell entsandter Gastwissenschaftler aus Nordkorea, der von seinen Landsleuten zu intensiv begleitet wurde.

Parallel dazu arbeitete er an seiner Dissertation am Kriechverhalten von Aluminiummatrix-Verbundwerkstoffen und erwarb 2004 das Doktorat der technischen Wissenschaften an der TU Wien. Sein Forschungsschwerpunkt lag in den damals hoffnungsvollen Metallmatrixverbundwerkstoffen. Er arbeitete aktiv im DGM-Fachausschuss für MMC und Zellulare Metalle mit. Im Rahmen einer EU-geförderten Kooperation war er Miturheber einer MMC-Informationswebpage. Er wurde wissenschaftlicher Assistent der TU Wien und habilitierte 2010 auf dem Gebiet der Leichtwerkstoffe, wobei er auch tomografische Untersuchungen an faserverstärkten Kunststoffen inkludierte. 2010 schloss er als einer der ersten an der TU Wien mit dem Rektorat eine Qualifikationsvereinbarung über 4 Jahre ab, die Kooperationen mit internationalen Institutionen einschloss, wo neue, strahltechnischen Methoden entwickelt wurden:

  • Elektronenmikroskopie (FIBTomografie) an der Universität des Saarlandes und Transmissionselektronenmikroskopie am USTEM der TU Wien;
  • Absorptions- und Phasenkontrast-Experimente am ESRF-Grenoble, BESSY Berlin, DESY Hamburg, SSRL Stanford;
  • Neutronen- und Synchrotron-Diffraktion in Hamburg (DORIS III, PETRA III), in Garching (FRM II), in Grenoble (ESRF und ILL), in Geesthacht (GKSS, heute Hereon) und LNLS-Campinas/Brasilien.

Damit entwickelte und erforschte er mit seinen jeweiligen Teams metallografische Methoden in den Größenordnungen von nm bis cm.

Nach Erfüllen der Qualifikationsvereinbarung wurde er 2014 Assoziierter Professor für Strukturwerkstoffe an der Fakultät für Maschinenwesen und Betriebswissenschaften der TU Wien, wo er einige internationale Studierende zum Doktorat führte. Seine Lehrtätigkeit umfasste Grundlagen der Werkstofftechnik, Werkstoffcharakterisierung und zerstörungsfreie Werkstoffprüfung, Ingenieurwerkstoffe inkl. Leichtmetalle. Leider war und ist die Integrationspolitik in Österreich so abschreckend, dass der Erwerb der österreichischen Staatsbürgerschaft nicht attraktiv ist. Nicht einmal seine österreichische Frau konnte dies ändern.

2015 wurde er als Leiter der Abteilung Metallische Strukturen und Hybride Werkstoffsysteme des Instituts für Werkstoffforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt nach Köln berufen, wo er auch eine Universitätsprofessur in der Fakultät für Georessourcen und Materialtechnik der RWTH-Aachen übernahm und nun Mitglied des Profilbereichs Materials Science and Engineering ist. An der RWTH-Aachen lehrt er moderne Material- und Werkstoffcharakterisierung: „vom Atom zum Bauteil“, sowie Nichteisenmetalle.

Über Forschungen an heterogenen Guss- und Schmiedewerkstoffen hinaus profiliert er sich am DLR durch die Leitung der Abteilung 3D-Drucken metallischer Werkstoffe, mit Schwerpunkt auf Titanlegierungen mittels selektivem Laserschmelzen, sowie einer Abteilung Werkstoffmechanik. Er ist inzwischen in der deutschen Forschungslandschaft integriert und war bzw. ist an mehreren BMWi- und BMBF-Projekten beteiligt. Im Rahmen laufender Horizon 2020 Forschungsprojekte der EU zeichnet er sich weiterhin durch internationale Forschungskooperationen aus.

Er ist Mitglieder des Komitees der Anwenderorganisation des ESRF-Grenoble, assoziierter Chefherausgeber der Open Access-Zeitschrift „Materials“ (MDPI) und assoziierter Herausgeber der Zeitschrift „Progress in Additive Manufacturing“ (Springer-Nature). Seit 2005 hat Professor Requena jährlich an etwa 20 wissenschaftlichen Publikationen in internationalen, referierten Zeitschriften mitgearbeitet, wobei diese meist mittels internationaler Zusammenarbeit mit österreichischen, deutschen, schweizer, slowakischen, ungarischen, französischen, portugiesischen, spanischen, lateinamerikanischen und/oder asiatischen Kolleg*innen entstanden. Das Beherrschen seines Fachgebietes stellt er in einigen Übersichtsdarstellungen über werkstoffwissenschaftliche Tomografie und über heterogene Leichtmetalle in Zeitschriften und Büchern unter Beweis.

Ich gratuliere Professor Requena zu seinen fruchtbringenden, internationalen Kooperationen, zu den erzielten materialwissenschaftlichen Forschungsergebnissen und zu seiner wissenschaftlichen Laufbahn, die ich in Wien anstoßen konnte. So freut es mich, dass er von der DGM mit der Tammann-Gedenkmünze 2021 für den Aufbau und die Leitung werkstoffwissenschaftlicher Forschungsgruppen in Wien, in der DGM, in der EU, an den Hochenergie-Strahlquellen und in Köln geehrt wird, wobei er – wie beschrieben - neue, weitreichende, wissenschaftliche Forschungskonzepte entwickelte.

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